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«Wäre das so weitergegangen, wäre B irgendwann an der Überbelastung des Herzens gestorben.»

Jana, vierfach Mama, erzählt eindrücklich von ihrem schwierigen Weg und ihrem unermüdlichen Kampf und die beiden Zwillinge Thilo und Ellie. Die beiden Zwerge hatten einen verfrühten Start ins Leben. Lange war nicht sicher, ob sie es überhaupt schaffen. Heute geht es der ganzen Familie gut.

Mein Name ist Jana. Nach zwei wundervollen Kindern hatte ich den Wunsch, noch ein drittes und letztes Kind zu bekommen. Mein Mann hatte seine Zweifel und wie sich später herausstellte, waren sie gewissermassen berechtigt. Denn er wollte kein drittes, da er meinte, es gäbe sicher Zwillinge. Ich fragte ihn: «Und wo sollen die bitte herkommen?» Wir haben keine Zwillinge in der Familie, weder auf meiner noch auf seiner Seite. Nach vier Monaten willigte mein Mann ein. Und so kam es, dass ich an Silvester 2024 den positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt. Voller Vorfreude kam der Tag des ersten Ultraschalls. Meine Frauenärztin sagte zu mir: «Es sind Zwillinge!» Meine Antwort war kurz und knapp: «Schei***.» Sie lächelte und meinte: «Das hat bis jetzt noch jede gesagt, die mit Zwillingen schwanger war.» Nach dem Termin rief ich sofort meinen Mann an. Er – total gefasst – meinte: «Ist doch schön?!» Wir freuten uns sehr und so kam mein Mann auch zum nächsten Termin mit.

 

Der erste Kontrolltermin

Dort stellte meine Frauenärztin fest, dass da noch etwas Drittes wächst. Es war jedoch nicht richtig entwickelt. Drilling B und C waren miteinander verbunden. Sie machte mit uns einen Kontrolltermin ab, um nachzuschauen, ob die Blutzufuhr von B zu C noch besteht. Ich weiss noch genau: Es war ein Montag und an der Blutzufuhr hatte sich nichts geändert. Uns wurde genau erklärt, was in meinem Bauch los war: Drilling A war separat, Drilling B und C teilten sich die Plazenta, hatten aber beide eine eigene Hülle. Drilling B war ein Pumping-Twin und hielt so C am Leben. B pumpte durch die Plazenta Blut durch den Körper von C, der nur aus einem Unterkörper bestand, und wieder zurück. Wäre das so weitergegangen, wären B und C weitergewachsen und B wäre irgendwann an der Überbelastung des Herzens gestorben. Das hätte Wehen auslösen können. Dann wären alle drei viel zu früh auf die Welt gekommen.

Am Dienstag bekamen wir bei einem anderen Frauenarzt einen weiteren Termin, da meine Frauenärztin eine Zweitmeinung wollte. Er war sehr liebevoll und erklärte uns das Ganze nochmals ausführlich. Er schickte uns weiter ins Inselspital zum einzigen Arzt, der solche Lasereingriffe machen kann. Denn C musste von B getrennt werden. Nur so hatte B eine Chance zu überleben.

 

Operationstag im Inselspital

Am Mittwoch gingen wir ins Inselspital. Dort wurde uns erklärt, dass sie mit Hilfe von Ultraschall, einer Hohlnadel und einem Laser in meinen Bauch gehen, um die Nabelschnur von C zu trennen, sodass die Blutzufuhr von B zu C gestoppt wird. Die OP war nicht ohne Risiko. Es bestand eine 50% Überlebenschance für B. Man konnte nicht vorhersehen, wie B auf die neue Situation reagieren würde. Ich war total aufgelöst. Doch mein Mann gab mir die Kraft, die ich in dieser schweren Zeit brauchte. Die Operation fand dann am Freitag statt und sollte eigentlich ambulant sein. Ich musste um 8:00 Uhr dort sein, bekam ein Zimmer und hatte solche Angst um meine zwei Kleinen im Bauch. Für die beiden gab es noch Hoffnung. C war leider nicht überlebensfähig. Plötzlich ging alles schnell und ich war im Aufwachraum, bevor ich endlich in den OP geschoben wurde. Der Narkosearzt war sehr empathisch und wich mir während der ganzen OP keine Sekunde von der Seite. Nach der OP wurde mir mitgeteilt, dass die Blutzufuhr erfolgreich gestoppt wurde. Sie mussten jedoch zweimal lasern, da es beim ersten Mal nicht geklappt hatte. Da ich im Dämmerschlaf war, erinnere ich mich nur schwammig daran. Zurück im Zimmer hatte ich das Gefühl, dass es besser wäre, falls etwas passiert, im Spital zu sein. Ich wollte auf keinen Fall, dass meine Jungs – damals 3.5 und 1.5 Jahre alt – etwas mitbekommen. Am nächsten Mittag fuhren wir, nach einem Zwischenhalt bei McDonald’s, nach Hause. Zuhause legte ich mich hin, da ich sehr müde war. Nach drei Stunden wachte ich auf. Alles war nass. Ich schrie nach meinem Mann, denn ich wusste genau, dass es Fruchtwasser war.

 

Die Odyssee beginnt

Er brachte sofort unsere Jungs zu den Schwiegereltern und wir fuhren ins Inselspital. Dort angekommen kam ich auf die Geburtsstation. Es war der Horror, denn in meinen Gedanken war klar: Fruchtwasser = Baby kommt. Ich bekam Wehenhemmer in Tablettenform und wurde aufgeklärt, dass man in der 16+1 nichts tun könne, um das Überleben meiner beiden Kleinen zu sichern. Wir standen vor einer riesigen Wand: Wer schaut zu den Jungs? Wer finanziert alles? Was passiert, wenn das Schlimmste eintritt? Von da an lief das Fruchtwasser ständig. Manchmal schwallweise durch drei Wochenbettbinden hindurch, manchmal weniger, aber es lief immer. Nach einer Woche schickte man mich nach Hause, denn bis zur 24. Schwangerschaftswoche konnte man nichts tun. Noch eine Woche später bekam ich Wehen und rief meine Frauenärztin an. Sie schickte mich wieder ins Inselspital. Dort verbrachte ich wieder eine Woche mit Wehenhemmern. Zuhause hielt ich strenge Bettruhe ein. Ich durfte mich ein wenig bewegen, aber es fühlte sich für mich nicht richtig an. Die Betreuung der Jungs wurde von Freunden, Familie und der Kita übernommen. Die Haushaltshilfe kam einmal pro Woche und putzte das Nötigste, damit auch mein Mann entlastet wurde.

 

Zeit für die Pränatalstation

Dann, bei 23+5, bekam ich plötzlich wieder Wehen. Wieder ins Inselspital, wieder auf die Geburtsstation. Doch diesmal wusste ich, dass es nicht das Ende der Schwangerschaft bedeuten musste. Ein Kinderarzt von der Neonatologie kam und klärte uns auf. Die Zwillinge waren da schon rund 600 g schwer und hatten gute Chancen zu überleben. Ich bekam die Lungenreife gespritzt. Danach wurde wieder auf die Pränatalstation gebracht und verbrachte dort acht lange Wochen. Es war eine emotionale Achterbahn. Jeden Tag wurde CTG gemacht, Fieber gemessen und die Herztöne kontrolliert. In dieser Zeit lernte ich viele Frauen kennen, jede mit ihrer eigenen Geschichte. Gemeinsam assen wir jeden Morgen Frühstück am Buffet und jeden Donnerstag gingen wir basteln. Wir sassen alle im selben Boot und freuten uns füreinander, wenn es wieder eine geschafft hatte und ihr Baby den Umständen entsprechend gut auf die Welt gekommen war. Und so kam der 17.07.2025. Gegen Abend verspürte ich wieder einmal Wehen, wie schon unzählige Male zuvor. Wie jeden Abend schob mich mein Mann durchs Insel-Areal. Ich ass noch ein Thon-Sandwich und sagte ihm, dass ich wieder Wehen habe. Er ging an diesem Abend früher als sonst. Um 22:30 Uhr klingelte ich nach der Nachtschwester und erklärte ihr, dass ich Wehen habe. Sie kannte mich schon ziemlich gut und holte das CTG. Zwilling B hatte eine hohe Herzfrequenz, welche auf einen Infekt hinwies. Die diensthabende Frauenärztin kam und untersuchte mich per Ultraschall. Der Gebärmutterhals war auf null und 1 cm geöffnet. Die Wehen kamen schon jede Minute. In einer Wehenpause rief ich meinen Mann an. Er ist sonst nicht sehr gesprächig, aber bei diesem Telefonat war er plötzlich sehr gesprächig. Geschickt wimmelte ich ihn ab und sagte, er solle sich Zeit nehmen und kommen.

 

Es geht los!

Die Anästhesie kam, legte mir die Zugänge. Etwa 30 Minuten später traf mein Mann ein. Ich wurde für den OP vorbereitet und bekam die Spinalanästhesie, was bei den starken Wehen nicht einfach war. Mein Mann zog sich um und schon ging der Kaiserschnitt los. Wir wünschten uns einen Fensterkaiserschnitt. Zwilling A schrie ganz laut. Ich war sehr erleichtert. Thilo kam am 18.07.2025 um 02:11 Uhr mit 1900 g und 41 cm zur Welt. Er wurde im Nebenraum erstversorgt. Dann kam Zwilling B: ein kleines, zierliches Mädchen. Kein Ton. Sie schaute nur umher, als hätte man sie geweckt. Ellie kam eine Minute nach Thilo mit 1700 g und 42 cm zur Welt. Sie wurde ebenfalls erstversorgt und mein Mann ging mit. Ellie wurde intubiert, Thilo bekam CPAP. Ich wurde kurz zu den beiden gebracht. Es waren so viele Leute dort, doch ich hatte nur Augen für meine Kinder – so klein und doch so grosse Kämpfer. Nach kurzer Zeit wurde ich wieder auf die Gebärstation geschoben. Dann war es still und leer. Mein Mann kam zu mir und wir warteten darauf, endlich auf die Frühchenstation gehen zu können. Wir wussten bereits, wie es dort aussah. Denn wir hatten in der 30. Schwangerschaftswoche dort eine Führung gemacht.

Den beiden Zwillinge Thilo und Ellie geht es heute gut. (Bild: Aferdita Ademi/youmoment.ch)

Besuch auf der Frühchenstation

Nach einer gefühlten Ewigkeit durften wir zu Thilo und Ellie hoch. Sie hatten einen Nabelzugang für die Antibiotikabehandlung. Durch den langen Blasensprung hatten wir einen Infekt bekommen. Dieses Risiko ist bekannt, deshalb wären die Zwillinge spätestens in der 34. SSW per Kaiserschnitt geholt worden. Thilo musste zehn Tage Antibiotika nehmen und kam schnell vom CPAP weg. Nach fünf Wochen konnten wir ihn endlich nach Hause nehmen. Ellie bekam sieben Tage Antibiotika. Nach einem Tag wurde sie extubiert und bekam CPAP. Auch dieses wurde sie schnell los, doch nach zwei Tagen hatte sie Atemprobleme und atmete sehr schnell. Man stellte sie auf Highflow um, den sie bis drei Tage vor dem Austritt behielt. Nach sechs Wochen konnte auch Ellie endlich nach Hause. Endlich war die ganze Familie zuhause. Wir sind dankbar, dass wir es so weit geschafft haben. Niemand hätte in der 16. SSW gedacht, dass wir je so weit kommen würden. Ellie und Thilo geht es gut und sie entwickeln sich super. Unser Sternchen hat den Name Sophie bekommen und wird nie vergessen gehen, da sie trotz allem ein Teil unseres Lebens war und immer sein wird.

 

Wir hatten grossartige Unterstützung von meiner Frauenärztin, meiner Hebamme, dem Inselspital Bern, Frühchen Schweiz, Nanas Lunchbox, Spitex, Freunden und unserer Familie.

Autorin Jana mit ihrem Mann, den beiden älteren Jungs und den Zwillingen Thilo und Ellie. (Bild: Aferdita Ademi/youmoment.ch)

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