Darf ich das Baby schreien lassen?

Insbesondere in den ersten sechs Monaten ist Schreien die einzige Möglichkeit deines Babys, auf sich und seine Bedürfnisse aufmerksam zu machen. Wenn es hungrig oder müde ist, Schmerzen hat, Nähe braucht oder etwas Unterhaltung, hat es gar keine andere Wahl als zu schreien. Wie Eltern am besten darauf reagieren sollen, darüber streitet die Wissenschaft. Klar ist aber: Nicht reagieren ist keine Option.

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Bereits die ersten Lebensmonate prägen Kinder und ihr Verhältnis zu ihren Eltern nachhaltig. Umso wichtiger ist es für junge Eltern, auf die Bedürfnisse ihrer Babys so schnell wie möglich einzugehen und ihnen zu zeigen: Ich bin für dich da. Auf diese Weise lernen Babys Vertrauen, zu ihren Eltern ebenso wie zu sich selbst und ihren Fähigkeiten aufzubauen. Sie schreien zu lassen treibt nicht nur das Stress-Level aller Beteiligten unnötig in die Höhe. Es kann auch dazu führen, dass dein Baby lernt: Die Menschen in meiner Umgebung reagieren nicht, wenn ich sie rufe, ich bin auf mich allein gestellt. Für Babys, die das eigenständige Durchschlafen und Beruhigen erst noch lernen müssen, eine extrem beängstigende Annahme, zumal Alleinsein für die Kleinsten in der Natur der sichere Tod bedeutet.

Stell dir selbst einmal vor, du bist auf einem unbekannten Planeten gelandet, kannst kaum sehen, hörst dafür viele beängstigende, unbekannte Dinge, unzählige neue Eindrücke erschlagen dich regelrecht und deine Bezugspersonen, eine von wenigen Konstanten in deiner neuen Welt, reagieren nicht auf dein Rufen oder tauchen bei dir nach vollkommen zufälligen Mustern auf. Du hättest Angst, wärst frustriert, vielleicht auch wütend - aber du könntest dich wenigstens noch artikulieren. Dein Baby kann es nicht. Auf sein Schreien zu reagieren bedeutet also in erster Linie Sicherheit, die zu Vertrauen wird. Ein Zuviel davon kann es nicht geben.

Baby beruhigen - so geht's

Um dein Baby beruhigen zu können solltest du den Grund für sein Schreien herausfinden. In der Anfangszeit ist diese Aufgabe denkbar einfach: In der Regel ist es hungrig oder durstig, fühlt sich unwohl in der vollen Windel, benötigt Körperkontakt und Wärme oder es leidet unter Schmerzen.

In den folgenden Wochen und Monaten erweitert sich dieses Spektrum, beispielsweise durch Langeweile, Neugier, Angst (z.B. aufgrund lauter/unbekannter Geräusche) oder Frust (z.B. weil etwas nicht sofort klappt). Indem du schnellstmöglich auf das Schreien deines Babys mit sanften Worten und Berührungen reagierst zeigst du ihm: Keine Sorge, Kleines, ich kümmere mich, du bist nicht allein, ich bin für dich da. Allein diese Botschaft wirkt für die meisten Babys schon beruhigend und besänftigend. Verschwindet im Anschluss noch die Ursache für ihr Schreien, ist Babys Welt oftmals wieder in Ordnung.

Beruhigungsrituale finden und etablieren

Jedes Baby ist einzigartig und so kann es eine Weile dauern, bis Eltern im Rahmen ihrer Erziehung geeignete Beruhigungsrituale finden. Während sich das eine Kind besonders gut bei rhythmischen Geräuschen (z.B. Waschmaschine, Staubsauger, Geschirrspüler) beruhigen kann, benötigen andere Babys vielleicht eine Kuscheleinheit, während wieder anderen die Stimme von Mama oder Papa, der Schnuller oder ein Kuscheltier genügt. Übrigens: Auch der Wechsel von Beruhigungsritualen kann kurzfristig dazu führen, dass Babys schreien. Zum Beispiel dann, wenn dein Baby bisher immer sanft von dir auf dem Arm in den Schlaf gewiegt worden ist und plötzlich selbstständig im eigenen Bettchen einschlafen soll. Auch beim Aufwachen kommt es öfters zu Schrei-Episoden. Kein Wunder, stell dir einmal vor, du schläfst selig in den Armen deines Lieblingsmenschen ein und wachst irgendwann an einem ganz anderen Ort auf - völlig allein, vielleicht noch im Dunkeln und mit Hunger. Zum Heulen!

Herausforderung Schreibaby: Professionelle Hilfe suchen

Babys, die mehr als drei Stunden pro Tag oder regelmässig über einen längeren Zeitraum schreien, bezeichnet man als Schreibabys. In der Regel steckt dahinter eine Anpassungsstörung: Die betroffenen Kindern sind von den zahlreichen Eindrücken überfordert, sie benötigen eine Extraportion Ruhe und eher mehr als weniger Zuwendung. Da sich Schreibabys meist nur schwer und nach längerer Zeit beruhigen lassen, raten zumeist ältere Verwandte dazu, das Kind schreien zu lassen, bis es sich selbst wieder beruhigt. Genau das wäre allerdings die denkbar schlechteste Option: Ein Schreibaby braucht in der Regel körperliche Nähe, um sich beruhigen zu können. Mit verwöhnen oder verziehen hat das wenig zu tun - auf Anspannung, Stress und mangelnde Zuwendung reagieren die Kinder nur mit noch mehr Schreien. Der Besuch einer Schrei-Ambulanz kann dir dabei helfen, das Verhalten deines Babys besser zu verstehen und souveräner darauf zu reagieren.

Das Schreien deines Babys ist ein natürlicher Alarm und versetzt dich vom ersten Tag an in Alarmbereitschaft. Die gute Nachricht: Mit ein wenig Gelassenheit, Ruhe und Verständnis kannst du Schreianfälle vergleichsweise schnell auflösen.

Vorbeugend helfen vor allem Routinen. Egal ob beim Einschlafen oder Aufwachen, beim Mittags- oder Nachtschlaf, beim Essen oder Spielen: Läuft euer Tag nach euren eigenen Routinen ab, stellt sich Babys innere Uhr danach um. Auf diese Weise reduzierst du Stress und deinem Kind fällt es leichter, sich auf unterschiedliche Tagesphasen einzustellen und in Schlaf zu finden.

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