Es gibt kein «richtiges» Alter, aber viele gute Momente
Als vor vielen Jahren mein Sohn das erste Mal bewusst an der Supermarkt-Kasse stand und ernsthaft fragte, warum der Herr an der Kasse ihm «unser Geld wegnimmt», habe ich gemerkt: Er beobachtet viel mehr, als ich dachte. Und er versteht viel weniger, als ich angenommen hatte. Genau da liegt für mich der Kern der ganzen Sache. Der richtige Umgang mit Geld ist nicht angeboren. Es ist eine Kompetenz, die sich jeder Mensch erst aneignen muss – genau wie Lesen, Velofahren oder Schwimmen.
Immer wieder werde ich gefragt, ab welchem Alter man denn nun anfangen soll. Meine ehrliche Antwort: Es gibt kein magisches Datum. Kinder sind nicht alle gleich weit, und du als Elternteil spürst am besten, wann dein Kind bereit ist. Was ich aber sagen kann: Es lohnt sich, damit so früh wie möglich zu beginnen. Und zwr nicht mit trockenen Erklärungen, sondern mit Beobachtungen. Schon ganz kleine Kinder lernen im Supermarkt, dass Geld ein Tauschmittel ist. Ab etwa 4 Jahren verstehen sie, dass man nicht alles sofort haben kann und manchmal warten muss. Und spätestens mit dem Schuleintritt, also rund um die 6, entwickeln die meisten das Zahlenverständnis, das es für die ersten eigenen Erfahrungen braucht. Und diese Erfahrungen waren für meinen Sohn wichtig, dass er jetzt als Teenager und später als junger Erwachsener die richtigen Entscheidungen treffen kann.
Kinder kopieren uns – ob wir wollen oder nicht
Der wichtigste Satz, den ich mir selbst immer wieder sagte: Kinder lernen durch Beobachten und Nachahmen. Das heisst leider auch, dass mein Kind nicht nur zuhört, was ich über Geld sage, sondern vor allem zuschaut, was ich mit Geld tue.
Für mich war das anfangs unbequem. Wenn ich im Laden vor einer besonders schön präsentierten Auslage stand, spürte ich den Impuls zum Spontankauf genauso wie alle anderen. Früher habe ich Einkäufe einfach in den Korb gelegt. Als mein Sohn ca. 3 Jahre alt wurde, habe ich angefangen, ihm mehr zu erklären warum ich etwas kaufe oder warum wir es heute nicht mitnehmen. Zum Beispiel: «Oh, diese Aprikosen sehen zwar schön aus, aber es ist noch nicht die richtige Saison und deshalb sind sie noch zu teuer. Auch wenn ich sie am liebsten gleich kaufen würde, warten wir jetzt noch und kaufen für unsere Wähe erst einmal Rhabarber ein.»
Was für mich eine Kleinigkeit ist, ist für mein Kind eine ganze Lektion. Es hat mitbekommen, dass ich der Versuchung widerstanden habe – und wie ich damit umgegangen bin.
Der schöne Nebeneffekt: Seit ich bewusster mit Geld umgehe, weil mein Sohn zuschaut, treffe ich selbst überlegtere Entscheidungen. Das Vorbildsein hat mich zur besseren Haushälterin meiner eigenen Finanzen gemacht.
«Aber woher kommt das Geld?»
Eine der ersten grossen Fragen war bei uns nicht «Wie viel kostet das?», sondern «Woher kommt das Geld überhaupt?». Für Kinder ist das keineswegs selbstverständlich. Geldscheine kommen aus dem Bankomat, dem Portemonnaie oder überhaupt unsichtbar wie Magie aus dem Handy. Dass dahinter Arbeit steckt und dass es sich nicht beliebig vermehrt, muss man aktiv erklären.
Ich habe versucht, das nicht mit einem Vortrag zu lösen, sondern indem ich meinen Sohn an meinem Arbeitsalltag teilhaben lasse. Er weiss ungefähr, was ich mache, warum ich dafür Geld bekomme und dass dieses Geld dann für Wohnen, Essen und eben auch für seine Wünsche reicht – aber nicht endlos. Dieses Grundverständnis ist die Basis für alles Weitere. Denn wer versteht, dass Geld erarbeitet wird und begrenzt ist, geht ganz anders damit um.
Der Alltag ist das beste Klassenzimmer
Ich habe irgendwann aufgehört, mir ein grosses «Wir müssen mal über Geld reden»-Gespräch vorzunehmen. Solche Gespräche fühlen sich für Kinder an wie eine Belehrung – und werden entsprechend weggehört. Und als Elternteil schiebt man es dann auch gern auf später, oder? Viel besser funktionieren die vielen kleinen Momente, in denen Geld ohnehin sichtbar oder Teil einer Entscheidung ist. Der Wocheneinkauf ist mein liebstes Beispiel.
Statt Wünsche pauschal mit «Nein, das ist zu teuer» abzuwürgen, binde ich meinen Sohn aktiv ein. Ein paar Ideen, die bei uns im Primarschulalter gut ankommen sind:
- Preis-Vergleich: Er darf im Regal den günstigsten Kilopreis suchen. Das schult ganz nebenbei den Blick für Mengen und Verhältnisse.
- Kleines Budget: Manchmal bekommt er einen festen Betrag für einen Teil des Einkaufs, zum Beispiel das Dessert fürs Wochenende. Innerhalb dieses Rahmens zu bleiben, fördert das Rechnen und Abwägen.
- Sparziel statt Spontankauf: Wenn ein grösserer Wunsch auftaucht, halten wir ihn fest, statt ihn sofort zu erfüllen. So lernt er, zwischen einem flüchtigen Impuls und echter Vorfreude zu unterscheiden.
Und ich frage nach. Wenn ein Wunsch aufkommt, gehen wir ihn gemeinsam durch: Was kostet das eigentlich? Warum möchtest du es haben? Warum genau jetzt? Worauf würdest du dafür verzichten? Ist es dir das wert? Diese Fragen sind kein Verhör, sondern eine Einladung zum Nachdenken. Oft entscheidet sich mein Sohn danach selbst gegen den Kauf – und ich musste nie «Nein» sagen.
Warum ich Fehlkäufe inzwischen liebe
Es gibt eine Szene, die ich nie vergessen werde. Mein Sohn hatte gerade Feriengeld von seinem Opa bekommen, marschierte zielstrebig in den Laden – eigentlich wollte er auf etwas Grösseres sparen – und kam mit 3 Gummibär-Packungen zurück. Nach kurzer Zeit waren die Packungen leer und so auch das Portemonnaie. Das grosse Ziel war in weite Ferne gerückt. Es gab Tränen.
Natürlich blutet einer Mutter in solchen Situationen das Herz und man möchte gerne «aushelfen». Aber heute weiss ich: Genau diese kleinen, schmerzhaften Misserfolge sind Gold wert. Solange die Beträge klein und überschaubar sind, darf ein Kind durch Versuch und Irrtum lernen. Mit Gummibärchen zu scheitern tut weh, ist aber harmlos. Bei der ersten Miete oder dem ersten Handyvertrag zu scheitern, ist deutlich komplizierter. Fehlentscheidungen im Kindesalter sind fast immer die günstigere Lektion.
Deshalb habe ich meinem Sohn nicht jede Entscheidung abgenommen. Ich habe ihn immer begleitet und tue das auch heute noch. Aber ich räume nicht jeden Stein aus dem Weg. Sowohl die guten als auch die schlechten Erfahrungen gehören dazu.
Zwei Kässeli und ein bisschen Freiheit
Ein einfaches Hilfsmittel hat bei uns besonders viel bewirkt: Ich habe das Taschengeld von Anfang an in verschiedene Kässeli aufteilen lassen. Ich empfehle mindestens 2. In das eine kommt das Geld, das für einen grösseren Wunsch gespart wird. Im anderen ist das Geld, das mein Sohn sofort ausgeben darf – und da lasse ich ihm bewusst freie Hand.
Diese Freiheit ist wichtig. Er durfte sich schon als kleines Kind an seinen neuesten Errungenschaften freuen, aber eben auch mal danebengreifen. Beim Taschengeld werden abstrakte Begriffe wie Einnahmen, Ausgaben und Sparen plötzlich zur gelebten Praxis. Ich habe mit einem wöchentlichen Rhythmus im Kindergartenalter begonnen, weil kurze, überschaubare Schritte für den Anfang am besten passen. Mit zunehmendem Alter kann man den Rhythmus auf 2, später auf 4 Wochen ausdehnen. So lernen Kinder Stück für Stück, ihr Geld über einen längeren Zeitraum einzuteilen.
Verantwortung macht stolz
Nichts motiviert ein Kind so sehr wie das Gefühl, gebraucht zu werden. Deshalb übergab ich meinem Sohn Schritt für Schritt kleine Verantwortungen. Beim Einkaufen durfte er früher das Portemonnaie hüten und am Ende an der Kasse bezahlen – mit Bargeld, weil man da noch sieht, wie das Geld tatsächlich weniger wird. Später durfte er allein zum Bäcker und die Brötli selbst kaufen.
Auch zu Hause gehört das Mitmachen dazu. Die sogenannten «Ämtli» sind bei uns kein Machtkampf, sondern immer noch ein Beitrag zum Familienteam. Wichtig ist mir dabei Klarheit: Ein sichtbarer Plan in der Küche zeigt, wer wofür zuständig ist. Alltägliche Aufgaben wie den Tisch abräumen gehören einfach dazu. Für aussergewöhnliche Einsätze – Auto waschen, Zeitungen bündeln – gibt es bei uns manchmal einen kleinen Zustupf. So lernt mein Sohn den Unterschied zwischen «das machen wir alle gemeinsam» und «für besonderen Einsatz gibt es eine Anerkennung».
Die grösste Herausforderung: unsichtbares Geld
«Wenn man Geld braucht, geht man zum Bankomat und lässt es raus.» Diesen Satz habe ich tatsächlich so gehört. Ein anderes Kind erklärte einmal überzeugt: «Bestell den Pullover doch im Internet, dann bringt ihn der Postbote und du musst kein Geld ausgeben.»
Zuerst musste ich schmunzeln. Dann wurde mir bewusst, wie gross die Aufgabe ist. Für Geld muss man arbeiten, und es kann zu Ende gehen – auch dann, wenn man es digital ausgibt und gar nicht sieht. Genau deshalb bin ich überzeugt, dass Kinder das Geld zuerst physisch in den Händen halten sollten. Ich bin eine grosse Verfechterin des Greifbaren: Was man anfassen und weniger werden sehen kann, versteht man besser. Ein 5-Franken-Stück, das aus der Hand verschwindet, hinterlässt einen anderen Eindruck als eine Zahl, die auf einem Bildschirm kleiner wird. Erst wenn dieses Verständnis sitzt, führe ich mein Kind schrittweise an digitales, bargeldloses Bezahlen heran – denn ganz ohne digitales Geld wird es später nicht auskommen. Wichtig ist nur die Reihenfolge: zuerst begreifen, dann tippen.
Und heute? Kurz vor 18
Inzwischen ist mein Sohn bald 18 – die Zeit der ersten Kässeli fühlt sich weit weg an. Den Jugendlohn haben wir schon vor ein paar Jahren eingeführt: einen festen monatlichen Betrag, mit dem er gelernt hat, bestimmte Lebenskosten selbst zu übernehmen. Vorher haben wir gemeinsam festgelegt, was davon bezahlt werden muss und was nicht. Das ist mehr als Taschengeld – es ist ein Vertrauensvorschuss und ein echtes Training für die Selbstständigkeit.
Wie gut das inzwischen sitzt, hat sich in diesem Frühling gezeigt. Als das Geld für die geplanten Ferien nicht reichte, hat er sich kurzerhand selbst darum gekümmert: In den Frühlingsferien hat er 2 Wochen in einem Handwerksbetrieb gearbeitet. Dabei hat er nicht nur praktische Fähigkeiten erworben, sondern ist mit dem selbst verdienten Geld auch spürbar bewusster umgegangen. Schon im Vorfeld hat er sich einen Plan gemacht, wofür er es ausgeben will. Geld, für das man selbst gearbeitet hat, gibt man eben anders aus als Geld, das einfach da ist – diese Lektion nimmt ihm niemand mehr ab.
Und was kommt als Nächstes? Bei Ausbildung, erster Steuererklärung oder dem Auszug von zu Hause bleibt unsere Rolle dieselbe: begleiten, beraten, Fragen stellen – aber nicht mehr alles übernehmen. Am wichtigsten ist für mich, dass wir über Geld überhaupt sprechen. Offen, ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Tabu.
Rückblickend bin ich froh, dass wir früh mit den kleinen Schritten begonnen haben. Falls dir zumindest ein einziger Punkt gelingt – nämlich ein gutes Vorbild zu sein – dann seid ihr schon auf einem sehr guten Weg. Alles andere kommt Schritt für Schritt.
Christina Hammer ist Co-Founderin und CEO von Clanq, der App für Familienfinanzen. Cashback sammeln, sparen und investieren für die Zukunft sowie Finanzerziehung für dein Kind: Mit der Clanq App wird der clevere Umgang mit Geld Teil deines Alltags.