Autonome Kinder - wenn die Trotzphase nie endet

Manchmal ist es zum Verzweifeln: Du hast eine Vielzahl an Ratgebern gelesen und gehst die Herausforderungen mit deinem Kind nach den neusten Massstäben der Pädagogik an. Trotzdem fordert es ein, seinen Willen durchzusetzen. Das macht dich manchmal stolz und bringt dich noch öfter an den Rand der Verzweiflung. Solch willensstarke Kinder sind meist hochsensibel und autonom. Doch was heisst das für die Kindererziehung?

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Was sind "autonome Kinder"?

Den Begriff „autonome Kinder“ hat Jesper Juul geprägt. Der Unterschied zu anderen Kindern liegt darin, dass willensstarke oder auch autonome Kinder dieses Verhalten nicht erst in der bekannten "Trotzphase" zeigen, sondern meist bereits von Geburt an. Frisch gebackene Eltern beschreiben ihr Baby dann so, dass sie sich einen Säugling ganz anders vorgestellt haben und sprechen vielleicht von einem „schwierigen“ Baby oder Kind. Doch was bedeutet das genau?

Autonome Kinder haben oft folgende Merkmale:

  • Sie kennen ihre persönlichen Grenzen und fordern diese ein
  • Sie kennen ihre Bedürfnisse und achten darauf, dass diese erfüllt werden
  • Pädagogisch-erzieherische Manipulation (Belohnung oder Bestrafung) funktioniert bei ihnen nicht. Aussagen wie „Wenn du davon nichts isst, bekommst du kein Dessert!“ zeigen oft keine Wirkung.
  • Körperkontakt geht vom Kind aus und wird je nach Bedürfnislage eingefordert oder abgelehnt
  • Um Verhalten und Entscheidungen von Erwachsenen anzunehmen, müssen diese authentisch für das Kind sein
  • Eine Zustimmung geben sie nur, wenn sie das Gefühl haben, eine Wahl zu haben
  • Ihr Verhalten ähnelt das von Erwachsenen mit einem gesunden Selbstbild
  • Die Achtung ihrer Würde und ihrer Integrität ist ihnen besonders wichtig

Der aufmerksame Leser wird nun denken: "Das ist doch toll, wenn ich so ein kompetentes Kind habe!". Tatsächlich wissen betroffene Eltern aber, dass der Alltag mit willensstarken Kindern oft sehr herausfordernd und langatmig sein kann.

Was sind die Schwierigkeiten/Herausforderungen mit solchen Kindern?

Bereits willensstarke Babys können ihre Eltern an den Rande des Nervenzusammenbruchs bringen, indem sie ihrer Entwicklung immer einen Schritt voraus sind oder Dinge schon selbst tun und entscheiden wollen, die sie noch nicht können. Später ist es schwierig, nahezu unmöglich, autonome Kinder zu etwas zu animieren, das nicht auch ihren Wünschen und Bedürfnissen entspricht. Kindererziehung mit starren Regeln scheitert an solchen Kindern. Inputs und Reize müssen immer wieder Neues und eine Wahlmöglichkeit bieten, wie ein "Buffet", von dem sich der Nachwuchs autonom bedienen kann.

In der Schule oder im Kindergarten sind autonome Kinder oft "Überflieger", haben aber dennoch oft Konflikte mit Lehrern und Erziehern, da sie zu jeder Zeit pädagogische Ansätze enttarnen und in Frage stellen.

Tipps für Eltern mit einem willensstarken Kind

Wie geht man mit autonomen Kindern um? Was ist wichtig in der Kindererziehung?

Eltern von autonomen Kindern sollten sich darin üben, in Ich-Botschaften zu sprechen:

"Ich will, dass du dir jetzt die Zähne putzt. Danach sage mir, welche Geschichte du hören möchtest!"

Autonome Kinder können gut mit Wahlmöglichkeiten umgehen und eine Entscheidung sprechen. Ihr Bedürfnis nach Eigenständigkeit wird so optimal gefordert:

"Möchtest du erst Hausaufgaben machen oder mit deiner Freundin spielen?"

Dies kann sehr befremdlich sein, gerade, wenn Mama und Papa andere Prioritäten haben.

Willensstarke Kinder sind sehr sensibel für Stimmungslagen. Daher sind Bezugspersonen gut beraten, stets die Wahrheit zu sagen und alle aufkommenden Fragen authentisch zu beantworten. Dies gilt vor allem für Konfliktsituationen, vor denen du deine Kinder normalerweise schützen möchtest. Hab also keine Scheu, eine unangenehme Wahrheit kindgerecht auszusprechen und stelle dich mutig den Fragen deines Kindes. Denn das Kind merkt, wenn du etwas verheimlichen möchtest oder nicht die Wahrheit sagst.

"Was wünscht du dir?" oder "Was brauchst du, um deine Hausaufgaben heute noch fertig zu machen?" sind gute Fragen, die die Bedürfnisse des autonomen Nachwuchses abfragen. Lade dein Kind ein, seine Bedürfnisse auszusprechen. Lasse ihm Zeit, über deine Worte nachzudenken.

Es lohnt sich, mit einem autonomen Kind respektvoll zu sprechen (keine „Babysprache“) und immer kurz zu begründen, weshalb etwas getan werden muss. So fühlt sich das willensstarke Kind angenommen und respektiert.

Es ist wichtig, dass du immer vorher klar ankündest, was du erwartest oder was du tun möchtest z.B. „Du darfst jetzt noch wünschen, was wir EINMAL zusammen spielen sollen, danach geht’s ins Bett“. Oder „Wir gehen jetzt zusammen in den Buchladen, aber heute können wir kein neues Buch kaufen für dich. Du kannst mir aber helfen, ein Buch für Leo zum Geburtstag auszuwählen.“

Eine unserer LeserInnen hat ihr Kind hier wiedererkannt und hat daraufhin selbst recherchiert und einen interessanten Blog über ihre eigenen Erfahrungen mit ihrer autonomen Tochter geschrieben.

Wenn du dein Kind jetzt auch hier wieder erkennst, dann fallen dir sicher noch einige weitere Merkmale auf, die die ausgeprägte Autonomie deines Kindes kennzeichnen. Welche Erfahrungen hast du gemacht?

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4/5 (70 Stimmen)

KOMMENTARE (15)



Der Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Ich sehe unsere Tochter (knapp 2 Jahre) 1:1 darin. Sie fordert uns seit ihrer Geburt täglich von neuem heraus. Einerseits braucht sie klare Strukturen und Sicherheit, andererseits reagiert sie äusserst empfindlich auf Druck und lässt sich - wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat - weder ablenken noch "bestechen" Und sie spiegelt das Verhalten von Mama und Papa haargenau. Ist sie in einer Umgebung, in der sie sich wohlfühlt und die Eltern entspannt sind, ist sie das fröhlichste und aufgestellteste Kind. Verändert sich jedoch nur eine Kleinigkeit, die ihr nicht passt, kann die Stimmung von einem auf den anderen Moment dramatisch kippen und es folgen lange ausgiebige Wutanfälle, aus denen sie teilweise lange nicht mehr herausfindet. Berührungen, Tragen etc. sind dann sogar kontraproduktiv.

Michèle |

man ist mit einem so selbstbewussten kleinem Persönchen sehr stark gefordert. Manchmal klappt es besser, mal weniger gut. Oft nah am verzweifeln. Dann aber wieder voller stolz. Unsere Tochter wird morgen 2.

doris Zwischenbrugger |

wow wirklich passender Artikel.. Habt Ihr zu diesem Thema noch Buchtipps (ausser Jesper Juul)? vielen Dank

Isa |

ein passender Artikel, der genau auf meine Tochter passt. Habt Ihr einen Buchtipp?

Claudia |

Liebe Claudia

Herzlichen Dank für dein tolles Feedback. Leider existiert zum Thema autonome Kinder bis jetzt kaum Literatur. Im nächsten Jahr erscheint aber das passende Buch zum Thema von Jesper Juul mit dem Titel "Dein selbstbestimmtes Kind". 

Ich wünsche dir weiterhin viel Kreativität und unvergessliche Momente mit deiner Tochter.

 

Carmen vom LetsFamily-Team

Wenn Eltern ihre Kinder weiterhin so verwöhnen, komplett auf sie eingehen, jeden Wunsch erfüllen, ihnen unterwürfig und devot gegenübedrtreten...auf gut Deutsch "verhätscheln"...dann wird es für diese Kinder immer schwieriger, sich in der Gesellschaft einzuordnen und anzupassen...und unsere Gesellschaft verlangt dies nun mal!

Diana |

Der Artikel passt auch haargenau auf unsere Tochter. Als Baby war sie ein sogenanntes Schreikind, wobei wir im Nachhinein sicher sind, dass sie einfach jeweils nicht schlafen WOLLTE und wütend war dass sie noch nicht sitzen, krabbeln, laufen konnte ect. Mit den ersten Schritten wurde es besser, wobei gleichzeitig die Trotzphase angefangen hat. Die Wutanfälle haben jeweils mindestens 30 - 60 Minuten gedauert. Davon konnte sie sich kaum mehr erholen und ist nach einem schlimmen Anfall jeweils auch in der Nacht aufgewacht und hat stundenlang weitergeschrieen. Zum Glück wurde es mit der Zeit besser, wir wussten auch immer besser, wie wir diese Anfälle vermeiden (oben genannte Wahlmöglichkeiten, ganz klare Vereinbarungen und Beschränkung auf die wichtigsten Regeln mit Begründung, warum uns das wichtig ist. Ohne Begründung läuft gar nichts!).
Jetzt ist sie fünf. Inzwischen ist es viel leichter. Verzogen ist sie überhaupt nicht. Wir behandeln sie jedoch in vieler Hinsicht anderes als Gleichaltrige behandelt werden, eher wie ältere. Wir geben ihr auch viel Verantwortung - und unterstützen sie bei den Herausforderungen. Bei den Regeln, die wir setzen, müssen wir unglaublich klar und konsequent sein. Was sie immer für Schlupflöcher findet! Und debattieren kann die Kleine! Ich denke immer, das kann ja noch heiter werden, wenn sie mal älter ist...
Insgesamt denke ich, haben es diese Kinder nicht so einfach, auch wenn sie schulisch keine Probleme haben werden. Aber die Hypersensibilität kann einem auch das Leben schwer machen (angefangen mit den Nähten an den Socken bis zu Spannungen zwischen Kindern) und das Wissen um die eigenen Grenzen kann sehr wütend machen.
Wir haben das Gefühl, dass unsere Tochter auf einem sehr guten Weg ist. Nur zu verstehen, dass andere Kinder nicht gleich viel wahrnehmen, fällt ihr schwer. Wir haben gelernt, wie wir sie unterstützen können und wie wir unsere Regeln durchsetzen. Wenn ich nochmals das Rad zurückdrehen könnte, würde ich manches anders machen. Die meisten Erziehungstipps va im ersten Lebensjahr gingen komplett in die falsche Richtung (zB sie schreit wohl, weil sie übermüdet ist). Es war halt ein "try and error". Aber mein Tipp, den ich für die ersten paar Jahre geben kann: in einem Ratgeber bei einer höheren Alterskategorie nachschlagen hilft manchmal...

Chri |

Endlich mal einen Text, bei dem ich so oft schmunzeln musste, da er identisch zu meiner Tochter passt. Bald 2.5jährig.....
Seit dem ersten Tag ist sie so richtig intensiv.
Kilometer bin ich gelaufen damit sie schläft. Aber natürlich nicht mit dem Kinderwagen, den mag sie natürlich nicht. Tragsack, alles andere ging nicht. Ansonsten hätte sie keine Sekunde geschlafen. Jedes Geräusch hat sie zusammen zucken lassen. (Heute teilt sie mir mit, wenn es zu laut ist, wie ein Mixer)
Jede Phase hat sie intensiv durchlebt (ich somit auch)
Seit sie laufen kann ist es viel besser, und seit sie sprechen kann ist es viel angenehmer. Das Weinen hat stark abgenommen. Ich denke, jetzt kann Sie endlich selbstständig sein, was sie schon die ganze Zeit sein wollte.
Sie gibt mir immer vor, was sie möchte und was nicht. Aber auf eine Weise wo man fast keine Chance hat, den Willen zu brechen.
Ich schaffe es nur noch mit einere Ansage von zwei Alternativen....
Auch die Emphathie ist sehr ausgeprägt. Weint ein anderes Kind, weint sie mit.
Die Trotzphase hat mich wahnsinnig gemacht. Einen so willenstarken Menschen habe ich noch selten erlebt.
Jedoch, wenn mal keine Phase am laufen ist, finde ich diesen kleinen, energiegeladenen Menschen fantastisch.
Herrlich mitanzusehen wie liebevoll, herzlich und dankbar sie ist.
Nun bin ich aber doch froh, ist mein zweites Kind, 1Monat alt, ein junge, und bisher seehr pflegeleicht. Denn er schläft auch einfach mal so.....es gibt es sie also doch:-)

Mirjam |

Ich sehe unseren fast dreijährigen Sohn in dem Beitrag. Manchmal habe ich das Gefühl, dass er mindestens drei Sachen zur Auswahl haben möchte, um überhaupt eine Entscheidung zu fällen. Andersherum scheint er vieles erstmal abzulehnen, weil es ihn einfach nicht mehr genug fordert. Schuhe anziehen war eine Herausforderung, nachdem er die Routine hat, es zu meistern und das Lob dafür oft genug genossen hat, verweigert er sich dem einfach mal - scheinbar aus Faulheit, aber vielleicht doch eher weil es ihn „anödet“!

Manchmal ist er so fordernd, dass es wirklich schwer ist, mit ihm unzugehen - insbesonders wenn die ältere Schwester (5) auch Aufmerksamkeit fordert!

Jens |

Vielen Dank für diesen Artikel! Wir hatten gestern ein Gespräch in unserer Kita weil unsere Tochter für unsere Erzieherinnen auf bestimmte Situationen unangemessen heftig reagiert und weil Sie sich einfach nicht an bestimmte Regeln oder Tagesabläufe hält wenn Sie keine Lust darauf hat, obwohl Sie durchaus in der Lage ist alledem zu folgen. Locken, Motivieren oder ähnliches funktioniert bei Ihr einfach nicht. Man muss stets den Wunsch oder das Bedürfniss in Ihr wecken es auch selbst zu wollen. Unsere Erzieher sind damit absolut überfordert und haben uns klar kommuniziert, dass sie einfach nicht wissen wie Sie weiter damit umgehen sollen. Das war für mich ein sehr hartes und anstrengendes Gespräch. Ich kann nur jedem Elternteil raten sich davon nicht unterkriegen zu lassen. Unsere Kinder sind absolut in Ordnung und werden zu großartigen Menschen. Gebt nicht auf. Wir versuchen nun im ständigen Austausch mit der Kita zu stehen um hier positiv einwirken zu können, eben mit genau diesen Methoden die bei uns zu Hause so gut funktionieren - unsere Schlüssel zum Erfolg sind Verständnis für die Wut zeigen und Alternativen bieten. Das fällt den Erziehern in unserem Kindergarten leider nicht so leicht, aber ich hoffe dass wir das in Zukunft bessern können.

Stephanie |

Uff, DANKE für diesen Artikel! Diese Erkenntnis über die wunderbare Persönlichkeit unserer Tochter hilft sehr in unserem Alltag! Sie hatte heute Kindergartenstart...und wollte heute Morgen das erste Mal nicht gehen. Den Grund hat sie mir klar gesagt:“Vielleicht muss ich dann da Sachen machen, die ich gar nicht will!“

Mirjam |

Liebe Mirjam

Es freut uns sehr, dass dir unser Artikel hilft, deine Tochter noch besser zu verstehen und mit Ihrem starken Willen umzugehen. Das Buch von Jesper Juul "Dein selbstbestimmtes Kind" ist leider noch nicht erschienen. Angegebener Erscheinungs-Termin im Moment ist Januar 2020.

Herzliche Grüsse

Carmen vom LetsFamily-Team

Ich finde das Buch : „So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau sehr empfehlenswert. Ich bin noch nicht ganz durch, aber es hilft, das Kind und sein starkes Verhalten besser zu verstehen.
Unser Kind ist mittlerweile 5 und fordert und überfordert uns immer noch täglich, seit Geburt.

Liza |

Wer mehr zu autonomen Kinder wissen möchte, hier ein Beitrag mit recherchiertem Wissen und eigenen Erfahrungen:
https://www.impuls-lebensgestaltung.ch/post/autonome-kinder-selbstbestimmend-und-willensstark

Nadine |

Mein Sohn ist 5,5 Jahre und erkenne alles wieder was in diesem Text steht. Leider wird das ganze immer nicht so anerkannt. Ich weiß auch manchmal einfach nicht was ich sagen soll weil ich dann auch gleichzeitig sehr stolz darauf bin wie er schon argumentieren kann. Andererseits wird das auch manchmal als sehr anstrengend empfunden von Erziehern usw.

DIDDI |

Hallo. ich muss leider noch mal kurz stören. ich hab hier eine Tochter. sie ist 9. vor 40 wochen erst 9 geworden. und sie bockt und schreit wirklich sehr viel und bei jeder Kleinigkeit. und manschmal Wunder ich mich wirklich, weil man in dem Alter nicht mehr so romm schreit. aber wirklich bei jeder Kleinigkeit. wenn Sie ihren Willen durchsetzen will, wenn ein anderes Kind nicht mit ihr spielen will, oder auch wenn sie keine Hausaufgaben machen möchte. sie tritt dann gegen den Tisch und knallt ihre Zimmertür zu. ich versuche ihr dann zu erklären, das man eben manschmal doch Konsequenzen machen muss. aber sie ist weiter in Wut und lässt sich kaum behruigen. sie hatte ihre trohtsphase im Kleinkindalter nicht. und jetzt vor 14 Wochen hat es angefangen. wohl auch in der Schule hockt sie so. sie rennt dann raus und knallt die Tür. draussen schreit sie wohl andere Personen an. wohl auch in der hofpause zeigt sich dieses Verhalten eindeutlisch. sie prügelt dann andere Kinder,schubst,haut,oder tritt sie. sie klettert wohl auch über den Zaun. irgendwie hab ich das Gefühl, sie hat für ihr Alter einen zu starken Willen. sie ist echt anstrengend. auch dieses bockverhalten und das nicht wollen Verhalten wird mehr. gestern nach der Schule ist sie im Supermarkt ausgeflippt. ich musste sie schreiend hinter mir herziehen. wirklich schlimm. und das für ihr Alter. habt ihr vielleicht noch einpaar Tipps für mich wie ich meine 9- Jährige Tochter behruigen kann!? ich hoffe mal ja.

hoffentlich konnte ich euch weiterhelfen. Lg

Susi |

Vielleicht ist deine Tochter sehr willensstark, wie wir im Artikel beschreiben. So wie du schreibst, holt sie eventuell aber auch jetzt erst die Trotzphase nach, die bisher nicht stattgefunden hat. Dies ist für dein Kind selbst irritierend und unangenehm. Natürlich aber auch für dich als Mutter sehr belastend und kräftezehrend - was sich wohl wiederum verstärkend auf deine Tochter auswirkt. Denk daran, dass du nicht alleine mit solchen Problemen bist und es verschiedene Fachstellen gibt, die dich beraten und unterstützen können. 

Vielleicht möchtest du dich an die Mütter-und Väterberatung in der Nähe wenden. Auch der Elternnotruf kann in schwierigen Situationen jederzeit erreicht werden. Elternbildung.ch bietet ausserdem Kurse zu den verschiedensten Themen rund um die Kindererziehung an.

Alles alles Gute und viel Geduld!

 

Carmen vom LetsFamily-Team

Hallo und vielen Dank für den Artikel! Ich bin Mutter eines dreidreivierteljährigen Jungen und bin zufällig auf Ihren Artikel gestoßen, weil ich im Internet nach Tipps im Umgang mit ständig trotzig-wütenden Kleinkindern gesucht habe.
Ausnahmslos alle Punkte Ihrer Beschreibung treffen auf unser Kind zu!
Er ist ebenfalls ein Schreikind gewesen und wir haben früh gemerkt, dass er im Vergleich zu anderen Kindern, eine sehr niedrige Frustrationsgrenze hat. Hinzu kommt, dass er enorm kontrollierend ist. Teilweise fast schon zwanghaft... z.B. muss er IMMER den Wasserkocher ausmachen, bevor er von selber ausgeht. Das kann er übrigens auch genau abschätzen und er ist so hellhörig, dass er es hört, wenn der an ist, obwohl er zwei Zimmer weiter sitzt. Genau das gleiche Problem haben wir mit der Mikrowelle oder wenn jemand ins Bad möchte - dann muss er die Tür zumachen. Er muss täglich Großeltern und Onkel anrufen und ER muss das Telefonat beenden und auflegen.

Was z.Zt. sehr anstrengend ist, dass alles "seins" ist: von den Dingen, die er haben möchte bis hin zu seinen Körperteilen. Gerade im Parkhaus oder an der Straße ist so Streit vorprogrammiert, weil er sich weigert, an die Hand genommen zu werden...

Wir haben früh gemerkt, dass er ganz klare Strukturen und einen Tagesryhthmus braucht; keine aufregende Ausflüge oder unangekündigte/spontane neue Dinge. Das gilt in allen Bereichen: Die Weihnachtsdeko an den Fenstern hat er erst nach zwei Tagen akzeptiert, aber auch erst nachdem ich sie wieder abgenommen und mit ihm gemeinsam aufgehängt habe (Ich wollte ihn egtl überraschen. Fataler Fehler. Nur wollten wir uns einmal durchsetzen und die nicht abnehmen, sondern ihn damit konfrontieren. Wie gesagt, nach zwei Tagen haben wir sie dann noch einmal angehängt...)
Wenn etwas unangekündigt passiert, reagiert er mit Wut.

Wir sind unendlich froh, dass wir einen Waldorf-Kindergarten gefunden haben, der ganz starr an einem täglichen und wöchentlichen Rhythmus festhält und der uns erlaubte, mit ihm im Vorfeld über zwei Monate lang samstags dort hinzukommen, damit er sich zunächst einmal mit den Räumlichkeiten und Spielsachen vertraut machen konnte. Weder mein Mann noch sind eigentlich Anhänger der Waldorf"ideologie", aber in diesem Punkt sind wir heilfroh, dass es so einen Kindergarten in der Nähe gibt.

Zu Hause haben wir gemerkt, dass alles, was ihn unruhig macht, aggressiver macht und er sich dann gar nicht mehr konzentrieren kann. D.h. er darf nur noch bei den Großeltern Videos schauen und das Übermaß an Spielsachen habe ich auch weggeräumt.

Was positiv ist: Unser Sohn hält sich sehr an -in seinen Augen sinnvollen - Regeln! Erst wird das eine Spielzeug weggeräumt, dann das andere herausgeholt. Oder nach dem Essen wird das Geschirr weggeräumt, als Zeichen dafür, dass das Essen beendet ist.
Er ist offensichtlich ziemlich intelligent. Das zeichnet sich schon früh aus. Seit er zweieinhalb ist, kann er sämtliche Telefonnummern oder Zahlenschlosskombinationen auswendig.
Aktuell ist es so, dass er Zahlen bis 1000 kann, Mengen bis 7 auf Anhieb erkennt. Er wächst zweisprachig auf und lernt grad die dritte Sprache, versteht, dass das unterschiedliche Sprachsysteme sind und kennt alle geometrische Figuren, die Kinder in der 5. Klasse lernen und Farben mit sämtlichen Schattierungen/Farbnuancen. Und aktuell fängt er an zu lesen.
(Das schreibe ich gerade nicht, um anzugeben!!! Ich wollte nur damit verdeutlichen, dass ich glaube, dass viele dieser sehr autonomen Kinder weiter sind als gleichaltrige... Aber das Potenzial oft nicht erkannt wird, bzw. von der ständigen Nörgelei überschattet wird.)
ABER all das "lernt" er nur, wenn ER das will und wenn er nicht das Gefühl hat, dass er gezwungen wird bzw. wenn er das Gefühl hat, dass es ums Lernen geht. Er bringt sich fast alles selber bei. Lesen z.B. lernt er gerade so, dass er die Buchstaben der Namen seiner Spielzeugautos in Büchern oder auf Werbetafeln wiedererkennt und diese dann kombiniert.

Wir als Eltern haben schnell gemerkt, dass wir ihn mehr in Ruhe lassen müssen: Er isst immer die gleichen Dinge (was mich tierisch beunruhigt und aufgeregt hat), er wird wütend, wenn Kinder weinen und noch wütender, wenn wir Eltern mal eine Meinungsverschiedenheit haben. Wenn wir mit ihm meckern, wird es noch schlimmer - es schaukelt sich hoch.
Der Papa geht cooler damit um, für mich ist es manchmal sehr schwer, dann nicht nachtragend zu sein(v.a. wenn er nach mir haut vor lauter Wut) und einfach mal durchzuatmen.

A propos nachtragend sein: Das ist unser Kind überhaupt nicht! Er explodiert sehr schnell, aber es ist dann auch gleich wieder verflogen und er weiß egtl auch gar nicht mehr, was los war.
Oft kommt er zu mir, und sagt "Mama ist lustig, ja?"

Ich könnte ewig weiterschreiben, weil ich mich endlich verstanden fühle!!!!
Wenn ich das alles so niederschreibe, merke ich, dass ich einfach sehr viel weniger meckern oder genervt sein sollte, sondern einfach noch konfliktresistenter. Danke für den Artikel und fürs "Zuhören" und viele Grüße!

Mina |