Vater sein

Wichtiges rund ums Vater sein © Yakobchuk Olena - AdobeStock.com

Auch bei einem Mann verändert sich viel, wenn man Familienvater ist. Ob nun bewusst oder mehrheitlich unbewusst. Denn vor allem emotional und mental ist diese Lebensaufgabe für Männer eine der intensivsten.

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Hättest du vor ein paar Jahren und ohne Kinder gedacht, dass du auf solch ereignisreiche Momente der letzten Jahre zurückblicken kannst? Dass du solch einzigartige Erfahrungen machen wirst? Dass du dich von einer neuen Seite kennenlernst? Wohl kaum.

Zeige wahre Grösse

Habe den Mut, dich zu zeigen. Auch wenn das bedeutet, sich nicht von der besten Seite zu zeigen. Auch wenn Emotionen zum Vorschein kommen, die du nicht zulassen willst. Solange es echt ist, ist es gut. Und es ist zulässig, solange es keine Gewalt beinhaltet. Denn für Gewalt – physisch wie auch verbal – gibt es keinen Grund und keine Rechtfertigung. Weder Kindern noch Erwachsenen gegenüber. Was nicht heisst, dass du nicht Wut oder Aggression spüren darfst. Das kannst du. Das sollst du so gar. Nur sollen sie nicht an deiner Familie entladen werden.

Unglaublich, wie mich ehemalige Chefs schon zur Weissglut gebracht haben. Wie mich meine Frau schon aufgeregt hat. Und wie mich meine zwei kleinen Sonnenscheine schon fast in den Wahnsinn getrieben haben. Vielleicht kommt dir das bekannt vor. Dann geht es dir wie den meisten Vätern. Nun überlege kurz: Hast du jemals deinen Chef angebrüllt und ihn zum Teufel gejagt? Wohl kaum. Das widerspricht wahrscheinlich deiner Vorstellung von Sitte und Moral. Und du willst deinen Job ja nicht verlieren. Warum tust du es dann mit deinen Liebsten? Ich gehe mal davon aus, dass du zu Hause schon laut geworden bist. Dass du deine Partnerin oder deine Kinder angeschrien hast. So wie es den meisten Papas ergeht.

Gemäss einer eigenen Väterumfrage gehören Vorgesetzte und das berufliche Umfeld zu den grössten Stressfaktoren. Trotzdem reissen wir uns da zusammen. Und lassen uns zu Hause gehen. Warum nur? Warum wollen wir den Job nicht riskieren, nehmen aber gleichzeitig den Verlust der eigenen Familie in Kauf? Ist es uns wirklich wichtiger, was die Berufskollegen von uns denken, als es unsere Kinder tun? Eine generelle Antwort darauf gibt es nicht. Entscheidend ist eine Erkenntnis: Andere sind womöglich Auslöser dafür, jedoch niemals die Ursache. Diese liegt ganz in uns selber. So wie auch der Umgang damit ganz in und an uns liegt.

Für mich und mein Leben als Vater habe ich genau das verstanden. Wie ich auf einen Reiz reagiere, liegt an mir. Diese Reaktion zu ändern ebenfalls. In den ersten Jahren habe ich meinen Sohn immer wieder angeschrien. Viel zu häufig habe ich meinen angestauten Frust an ihm rausgelassen. Weil er genau die Knöpfe gedrückt hat, die mich aus der nervlichen Reserve locken. Und weil ich bei ihm keine Konsequenzen zu befürchten hatte. Obwohl ich es nicht wollte, ist es mir immer wieder passiert. Trotzdem war es mir immer wichtig, mich dafür zu entschuldigen. Denn eigene Fehler zu erkennen und den Kindern zu offenbaren gehört ebenfalls dazu, sein wahres Ich zu zeigen. Da darf kein männlicher Stolz im Weg stehen.

Dem Nachwuchs zu erklären, dass der eigene Vater auch Fehler macht und sich bemüht, besser zu werden, ist aufrichtig und wichtig für die eigene Entwicklung. Genauso, wie die eigenen Kinder immer wieder zu fragen, was sie nervt und was man als Papa besser machen kann. Voneinander zu lernen ist einer der Schlüssel für eine tiefe und nachhaltige Vater-Kind-Beziehung.

Dein Vater prägt dich als Vater

Ob du nun willst oder nicht, dein eigener Vater hat einen erheblichen Einfluss auf dein Leben als Mann und Vater. «Du bist wie dein Vater!» Hast du diese Aussage aus dem Mund deiner Frau schon einmal gehört? Ich schon. Das ist einer dieser Sätze, die mich gleichzeitig in Schockstarre und in den Fluchtmodus versetzen. Das will ich nicht hören. Ich liebe meinen Vater für seine Begleitung in meinem Leben. Mit all den schönen Momenten und den Fehlern. Trotzdem möchte ich nicht so sein wie er. Und dennoch bin ich teilweise so wie er. Denn als Kinder werden wir von unseren Eltern unglaublich geprägt. Sie sind unsere ersten Vorbilder. Und wohl die wichtigsten.

Emotional haben wir als heutige Papas zu kämpfen. Weil wir es anders machen wollen. Weil wir uns mehr engagieren wollen. Weil wir für unsere Kinder da sein wollen. Und weil wir nicht wissen, wie wir das machen sollen. Denn es fehlen uns die echten Vorbilder. So fliehen wir zum Teil zurück in alte Muster unserer eigenen Väter, obwohl wir das nicht wollen. Wir werden zum Geldverdiener und Ernährer, auch wenn wir das nicht unbedingt möchten. Wir wenden die gleichen Belohnungs- und Bestrafungsmuster an, obwohl wir das selber doof finden. Die anderen machen es ja irgendwie auch so. Nehmen wir an. Denn wir Väter reden untereinander ja nicht über diese persönlichen Dinge. Es könnte ja zum Vorschein kommen, dass wir nicht alles im Griff haben. Und nach wie vor gilt: Bloss keine Schwäche zeigen. Eine weitere Prägung unserer Väter. Eine, die wir so ganz unbewusst und ungewollt unseren Kindern weitergeben. Dabei haben wir so viel zu sagen, zu fragen, zu teilen und zu lernen. Oder tust du das bereits? Dann mein grosses Kompliment. Dann hast du den meisten Vätern einiges voraus. Jedenfalls würde es uns helfen, den Müttern nachzuahmen und uns viel mehr untereinander auszutauschen.

Natürlich hilft es, über deine Gefühle und Einstellungen als Vater offen mit deiner Partnerin zu reden. Nur kann dir keine Mutter sagen, wie du ein besserer Vater wirst. Das können nur andere Väter. Habe also den Mut, mit Freunden auch mal solche Themen anzusprechen. Oder suche dir Gleichgesinnte, die für solche Diskussionen zu haben sind.

Eine Frage der Werte

Mit dem Eintritt in den Kindergarten und in die Schule beginnen für die Kinder neue und wichtige Abschnitte in ihrem Leben. Sie werden Teil eines neuen Systems mit einer neuen Gruppe, mit neuen Regeln, mit hierarchischen Strukturen und mit neuen Werten. Das passiert nicht einfach spurlos. Vor allem bei sensitiven Kindern, die es heute merklich immer mehr gibt. Plötzlich sind sie Teil einer neuen Gemeinschaft, die sie nicht selber wählen und beeinflussen können. Sie müssen einfach. Mit Lehrpersonen, die nun ihre neuen Vorgesetzten sind. Die ihnen ein allgemeingültiges Programm vermitteln müssen, das strikt vorgegeben ist. Die Kinder müssen nun lernen, gleichzeitig die Bedürfnisse als Gruppe zu verstehen und ihre eigenen Bedürfnisse zu unterdrücken. Warum? Weil es so ist. Und weil es von ihnen erwartet wird.

Unser Bildungssystem ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass es sich sinnvollerweise an die Bedürfnisse und Stärken der Kinder orientiert. Im Gegenteil, die Kinder müssen sich an das System orientieren und anpassen. Natürlich mit Ausnahmen in Form grossartiger Lehrpersonen, die diesen Spagat sehr empathisch meistern. In Kombination mit der Klarheit und Sensitivität heutiger Kinder ist das aber eine riesige Herausforderung. Die Zunahme an sonderpädagogischen Behandlungen und ADHS-Diagnosen ist eine Auswirkung davon. Denn Verhaltensauffälligkeiten sind nichts weiter als ein Ausdruck von Bedürfnissen, die gemäss systemischer Erwartung unterdrückt werden sollen, aber vom Kind trotzdem ausgedrückt werden. Für ein lebendiges und bewegungsfreudiges Kind ist es nun mal eine Qual, für 45 Minuten ruhig sitzen zu müssen. So wie ein ruhiges und in sich gekehrtes Kind Mühe hat, eine Stunde lang zu tanzen.

Gefühlsausbrüche nach dem Kindergarten oder nach der Schule sind somit normal und nur verständlich. Umso mehr braucht das Kind in dieser Zeit ein Zuhause, das es versteht und stärkt. Es braucht einen Vater, der mental präsent ist, wahrnimmt und sich interessiert. Was definitiv nicht hilft sind weitere Vorgesetzte, die ihm sagen, was es zu tun, zu lassen und wie es zu sein hat. Kinder brauchen keinen Chef, sie brauchen ein Vorbild. Kein Chef, der kommandiert und manipuliert, sondern ein Vorbild, das vorlebt und inspiriert. Vor allem für uns Väter ist dieses Verständnis wichtig. Wir tendieren nämlich dazu, uns mit ernsten Statements, Regeln, Vorgaben, in Eigenregie getroffenen Entscheidungen und cleveren Bonus-Malus-Methoden als CEO der Familie aufzuspielen.

Natürlich brauchen Kinder eine Führung. Sie brauchen aber keinen Manager, der Befehle erteilt und ihnen sagt, was sie zu tun haben. Sie brauchen jemanden, der an sie glaubt und zulässt, ihre Fähigkeiten zu entdecken und auszuleben. Genau das, was auch in der beruflichen Führung zwingend nötig wäre. Inspiration statt Manipulation.

Nur weil Kinder klein sind und weniger Lebenserfahrung haben, bedeutet das nicht, dass sie nichts wissen oder können. Nur verstehen sie vielleicht noch nicht alles. Und dieses Verständnis zu vermitteln – aus ihrer persönlichen Sicht und Erfahrung – ist ein wichtiger Teil Ihrer Aufgabe als Vater. Was dir dabei hilft? Konkrete Werte. Werte, die sie aus Überzeugung vertreten und im besten Fall vorleben. Denn Werte schaffen Klarheit und geben Orientierung, was die Basis für Sicherheit und Vertrauen ist. Kennst du deine persönlichen Top-5-Werte? Nein? Dann nimm dir die Zeit und definiere diese. Damit erhältst du den besten Kompass für dein Verhalten. Das wirkt sich positiv auf dein eigenes Leben und auf die Beziehung zu deinen Kindern aus. Teile deine Werte mit deiner Familie. Und erkläre deine Entscheidungen damit.

Sobald deine Kinder etwas grösser sind, kannst du auch Familienwerte bestimmen, die ihr gemeinsam diskutiert. Gemäss dem bekannten Familientherapeuten Jesper Juul ist einer der zentralsten Werte für die Qualität innerhalb der Familie die Gleichwürdigkeit. Kinder gleichwürdig – also auf Augenhöhe und mit Würde – zu behandeln, ist der Schlüssel einer liebevollen Beziehung. Denn Kinder wollen ernst genommen werden. Und sie wollen ihre Eltern ernst nehmen. Das können sie nur, wenn sie sich ernst genommen fühlen, und wenn Mama und Papa aufrichtig und authentisch sind.

Apropos Vorbild: Das Beste, was du für deine Kinder tun kannst, ist ihre Mutter zu lieben. Nur ist das gleichzeitig eine der grössten Herausforderungen. Selber kenne ich keine Eltern, deren Beziehung nicht leidet. Auch in meinem Fall ist es so. Weil die Beziehung seit Jahren zu kurz kommt. Weil man einfach mal funktioniert. Weil man sich einfach zu wenig Zeit nimmt – für sich selber und für Zweisamkeit. Man hofft, dass es schon irgendwie gehen wird. Und es so verpasst, offen und ehrlich miteinander zu reden und verbunden zu bleiben.

Fehler sind kein Problem, solange man sich deren bewusst wird und daraus lernt. Nur so ist Wachstum möglich. Nur so wird man besser. Und darum geht es letztendlich auch als Vater. Egal was war oder nicht war, es ist nie zu spät, ein besserer Vater zu werden.


              Fachautor: Duri Sulser / DaddyCool Coach / tavita.ch / Stäfa 

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